Die historische Kuppel auf dem Humboldt-Forum steht erneut zur DispositionBraucht das wiederzuerrichtende Berliner Schloss eine Kuppel? Oder geht es nicht auch mit einer abgespeckten Version, deren Vollendung späteren Generationen überlassen wird? Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) hatte vor einer Woche im Tagesspiegel bezweifelt, dass die Spenden ausreichen würden, um eine historische Kuppel zu bauen, nachdem von den 80 Millionen Euro, die der Förderverein Berliner Schloss zugesagt hat, erst eine Million gesammelt sei.
Das Schloss, ab 1700 durch Andreas Schlüter und später Eosander von Göthe ausgebaut, kam fast 150 Jahre ohne Kuppel aus. Friedrich August Stüler fügte sie erst Mitte des 19. Jahrhunderts hinzu, um der gewaltigen Baumasse eine Richtung und einen Abschluss zu geben. Der Bundestag hat 2002 festgelegt, dass drei der vier historischen Fassaden wiedererrichtet werden müssen, eine Kuppel jedoch nur als „wünschenswerte Möglichkeit“ bezeichnet. Allerdings war die Kuppel fester Bestandteil des Entwurfs von Franco Stella, der 2008 – ebenfalls vom Bundestag – als Wettbewerbssieger gekrönt wurde.
In dem Gesamtetat für das Projekt von 552 Millionen Euro sind sieben Millionen fest vorgesehen für das tragende Gerüst der Kuppel, die in der Vollversion allerdings 15 Millionen kosten würde. Die Differenz müsste vermutlich durch die Spenden bezahlt werden, was allerdings so nirgendwo festgelegt ist. Die Bauherrin, die 2009 gegründete „Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum“, sagt jedenfalls, dass nach aktuellem Stand nur eine kleine Kuppel möglich wäre, die das historische Vorbild höchstens zitiert.
Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Fördervereins, ist zuversichtlich, dass die Spenden erst nach Baubeginn so richtig fließen werden. Bereits jetzt hätte sein Verein deutlich mehr als eine Million Euro gesammelt, nämlich zwölf Millionen, von denen allerdings erst eine Million an die Stiftung übergeben worden sei. „Peter Ramsauer war falsch informiert, aber ich mache ihm keinen Vorwurf, er ist ja eigentlich für Verkehr zuständig“, so von Boddien.
Dem Berliner Bundestagsabgeordneten Wolfgang Wieland (Grüne) zufolge gibt es im Parlament eine Mehrheit für die Kuppel: „Viele Abgeordnete sind inzwischen auch mental in Berlin zu Hause und haben sich die Hauptstadt angeeignet“, so Wieland. Dass die meisten von ihnen lieber acht Kilometer Autobahn statt einer Kuppel hätten, wie Ramsauer behauptet, hält er für „nicht zutreffend und außerdem einen Rückfall ins Denken der 60er Jahre.“ Allerdings teile er Ramsauers Skepsis, was den Spendenfluss angeht. Monika Grütters (CDU), Vorsitzende des Kulturausschusses, plädiert für eine vollständige Kuppel: „Wir sollten sie auf jeden Fall bauen. Die Kuppel prägt den Charakter des ganzen Schlosses, und wir sehen ja am Dach des Hauptbahnhofs, dass eine Sparversion schnell zur Dauereinrichtung werden kann.“ Einer so großartigen Idee wie der Präsentation außereuropäischer Kulturen auf dem zentralen Platz der Republik dürfe man keine kleingeistige äußere Gestalt geben.
ProBeim Kölner Dom hat es nach der Grundsteinlegung 1248 über 600 Jahre gedauert, bis er fertig gebaut war. So kann man es natürlich auch mit dem Berliner Stadtschloss halten. Erst skizzieren wir architektonisch den Grundriss, ohne barocke Kuppel und Fassade. Je nach Finanzlage wird im Laufe der Jahrzehnte (Jahrhunderte?) das eine oder andere angebaut. Angesichts des Schuldenbergs der Republik ist absehbar, dass dies ein Projekt mit Ewigkeitswert wird. Irgendwie reizvoll, der Gedanke, aber nicht im Sinne des Erfinders. Der Wille des Bundestags war eindeutig, das Stadtschloss in historischer Form, wenn auch nicht originalgetreu wiederaufzubauen. Ein Neubau war eben nicht gewollt, und deshalb macht sich der Bund nicht nur unglaubwürdig, sondern auch lächerlich, im Herzen der Republik einen Kasten hinzusetzen, in dem das Alte nicht erkennbar wird, der aber auch nichts wirklich Neues ist. Die Kuppel war, da helfen keine Ausflüchte, das Wahrzeichen des Schlosses, ein Kernbestandteil seiner Architektur. Das kann man nicht weglassen oder durch einen Billigersatz andeuten. Das wäre genauso peinlich, wie nach vielen Jahren international beachteter Planungen für die Mitte der Hauptstadt aus finanziellen Gründen den Rollrasen liegen zu lassen. Wahrhaftig ein Armutszeugnis.
Ulrich Zawatka-GerlachContraNein, es ist kein Geld für die Kuppel da. Gewiss, in das Budget wurden ein paar Milliönchen eingestellt. Aber die reichen nur für eine Kuppel „light“. Das ist so geschmacklos wie entrahmter Joghurt mit Kunstaroma und Süßstoff. Die Planer sagen es so: „Im Budget ist eine vereinfachte Kuppel enthalten, die die Umrisse der historischen Kuppel nachvollzieht.“ Wir werden also nachvollziehen können, wie eine Kuppel wäre, wenn man sie gebaut hätte. Virtuos virtuell, könnte man höhnen, wenn die Sache nicht so ernst wäre. Denn eines ist klar: Wenn der Beton-Ornat ohne Ornamente erst mal draufsitzt, dann wird ihn niemand mehr abreißen. Die Schlossgegner würden dann triumphieren über den Anblick im Herzen der Stadt. Also bitte: Baut das Schloss oben ohne! Denn die Blöße, die sich Bund und Länder damit geben, würde den Druck auf die Spendenbereitschaft erhöhen. Sehr bald wäre dann das Geld da für ein würdiges, ein vollständiges Schloss mit historischer Kuppel. Technisch ist ein Schloss-Bau in Etappen kein Problem. Warum also nicht die Vollendung des Werks künftigen Generationen überlassen? „Die Unvollendete“ ist schließlich auch nur deshalb so großartig, weil Franz Schubert sie von Anfang an groß dachte. Aber im Gegensatz zu der Sinfonie ließe sich das unvollendete Schloss vollenden.
Ralf Schönball
Der Tagesspiegel, [07.03.2010]